Punta Helbronner – Sky Way
Punta Helbronner – Sky Way
Roman Lachner -

Von der Gipfelstation der neuen Gondel am Punta Helbronner, der italienischen Seite des Mont Blanc, machen wir uns auf in Richtung Toula-Gletscher. Dann traversieren wir um die Aiguille d’Entrèves. Unser Ziel ist die Ostflanke der Tour Ronde, die wir erklimmen müssen.

https://www.youtube.com/watch?v=F0upVlSTbG4

Auf dieser Seite ist es nicht der riesige Schneedom, der das Antlitz des höchsten Gipfel Europas auf der französischen Seite ausmacht und die Leute dort in seinen Bann zieht. Hier zeigt der Mont Blanc bzw. der Monte Bianco ein anderes Gesicht – hoch hinauf zieht sich das schroffe Terrain aus Felsen, Eis und Schnee. Auf der Chamonix-Seite sehen wir Horden von Freeridern und Alpinisten, die das Vallée Blanche hinauffellen und ihre Spuren hinterlassen. Unter uns lässt die Sonne das unberührte steile South Face glitzern. 500 Höhenmeter feinste Abfahrt, bevor es auf dem Brenva-Gletscher ausläuft.

Nur ein paar vereinzelte Tracks verraten, dass sich noch andere Freerider hierhin verirrt haben wie eine kleine Gruppe auf dem Bergkamm über uns.

Tony Lamiche ist ein außergewöhnlicher Skifahrer und Alpinist, der sich auf das Befahren extremer Steilwände spezialisiert hat. Wir können uns glücklich schätzen, dass er unser ­Guide ist. Mit seinen Ski präpariert er uns den Drop-in und schneidet mit seinen Kanten einen Block aus der Wechte. Es rieselt weit mehr in die Tiefe als nur ein wenig Sluff. Kurz darauf bug­siert Tony seine Skispitzen in Richtung Falllinie und droppt ein. Mit weiten, langen Race Turns rast er durch den Powder und erreicht die Safe Zone, wo ich ihn kurze Zeit später einhole. Von hier aus ist die Perspek­tive auf den Mont Blanc wieder ei­ne andere. Alles in allem, muss ich sa­gen, schindet der Berg von der ita­lie­nischen Seite noch mehr Eindruck als von Chamonix aus. Zudem sind wir hier größtenteils unter uns. Nur ein paar vereinzelte Tracks verraten, dass sich noch andere Freerider hierhin verirrt haben wie eine kleine Gruppe auf dem Bergkamm über uns.

Die Crew

Wir sind hier, um für Salomon TV zu filmen und die etwas unbekanntere Seite des höchsten Bergs Europas zu erkunden, der mit Descents lockt, die durch die neue Gondel „Skyway Monte Bianco“ leichter zu erreichen sind. Eigentlich wollten wir schon im Januar in diese uns fremde Zone vor­dringen, aber die schlechten Be­din­gungen machten es damals un­mög­lich, die langen Südhänge be­fahren zu können. So mussten wir noch zwei Monate warten. Mittlerweile ist es März und die Bedingungen sind exzellent mit Powder bis hinunter ins Tal. Die moderaten Temperaturen halten diesen kalt und damit fluffig leicht. Nor­malerweise bekommt die italie­ni­sche Seite im Januar und Februar die meisten Schneefälle und besten Be­dingungen ab, da die Wintersonne dann sehr niedrig ihre Bahn am Him­mel zieht. Doch selbst dann muss man sich sehr früh aufmachen, um die­se Bedingungen zu nutzen, bevor es mittags zum Pizzaessen und Kaffee­trinken auf der gemütlichen Hütte geht. Sobald die Temperaturen im Tagesverlauf ansteigen, wird das Lawi­nenrisiko in diesem Terrain schlichtweg zu hoch. Die Dramaturgie dieses Ortes ist einzigartig – beeindruckend, doch gleichzeitig auch genauso gefährlich.

Tony Lamiche führt unsere Gruppe an, gemeinsam mit seinem Auszubil­den­den Alex Pittin. Zusammen bringen es beide auf eine mehr als im­posante Anzahl an Rinnen, die sie be­reits abgefahren sind. Der Amerikaner Josh Daiek und die schwedische Freeski-Legende Kaj Zackrisson sind ebenfalls in unserer Gruppe. Kaj lebte übrigens für zehn Winter in Cha­monix, doch das durch die neue Gon­del zu­gängliche Terrain ist größtenteils auch für den Schweden Neuland. Au­ßerdem begleiten uns noch der Fotograf Mattias Fredriksson und Filmer Jay Trusler. Alle sind gleichermaßen beeindruckt vom unglaublichen Potenzial der Südseite.

Das Terrain war bisher nur den Locals oder ein­ge­fleischten Chamonix-Insidern be­kannt. Um hier zurechtzukommen, braucht man fundiertes Bergwissen und muss zudem mehr als stabil auf dem Ski stehen.

Das Tor in eine andere Welt

Um es vereinfacht auszudrücken: Die „Skyway“-Gondel eröffnet den Zutritt zu einem Geheimnis, das bislang so nah und doch so fern lag. Das Terrain war bisher nur den Locals oder ein­ge­fleischten Chamonix-Insidern be­kannt. Um hier zurechtzukommen, braucht man fundiertes Bergwissen und muss zudem mehr als stabil auf dem Ski stehen. Außerdem sollte man sich bestens auskennen, um durch die komplexen Gletscher mit all den Abbrüchen und Spalten zu navigieren. Diese sind allgegenwärtig, wie so oft in den Alpen. Zu allem Überfluss hat man noch ständig mit den Tem­peraturen zu kämpfen, die über allem anderen die Bedingun­gen bestimmen und entscheiden, ob du da rausgehen kannst oder eben nicht. Gerade der letzte Aspekt macht die Bedin­gungen an diesem Tag außergewöhnlich gut.

Schattenjagd

Wir haben bereits knapp 1.000 Hö­hen­meter reine Abfahrt bewältigt und sind gerade mal auf halbem Weg ins Tal. Kaj, Josh und Alex traversie­ren zum Einstieg in einen breit an­ge­legten Fächer feinster Spine Lines. Sie suchen nach den Stellen, die noch keine Sonneneinstrahlung er­fah­ren haben. Der Schatten hat den Powder tatsächlich geschützt und so finden sie in vielen Pockets noch feinsten Cold Smoke, obwohl die letzten Schneefälle bereits eine Woche zurückliegen. Wir überqueren den Gletscher am Fuße der Spines mit unseren Fellen, um dem langsam aufweichenden Schnee zu entkommen. Auf dem Brenva-Gletscher fin­­den wir schließlich wieder bessere Be­dingungen, da dieser noch im Schatten der Aiguille Noire de Peuterey und Les Dames Anglaises liegt. Zu unserer Lin­ken erstreckt sich ein Potpourri aus Gletscherspalten. Dennoch ist dies die sichere Route hinun­ter ins Tal und als Bonus hat diese noch einmal 1.000 Extra-Höhenmeter zu bie­ten, die uns durch lockeren Pul­ver­schnee bis hinunter zum Parkplatz an der neuen Gondel führen.

Aus alt mach neu

Vom „Hotel Funivia“ in La Palud, das uns beherbergt, war es immer nur ein kurzer Fußweg zur alten Gondel am Monte Bianco. Diese wurde ursprünglich in den 1930er-Jahren gebaut, doch während des Zweiten Weltkriegs wurden die Stahlseile von französischen Kampfpiloten gekappt, kurz nachdem sie geöffnet hatte. Erst 1948 wurde die Gondel für die Öf­fent­lichkeit wieder in Betrieb ge­nom­men. 1958 schließlich wurde die le­gen­­dä­re Verbindung zur Ai­guille du Midi geschlagen. Damals brauchte man noch knapp 40 Mi­nu­ten von La Palud bis hinauf zur Punta Helbronner auf 3.462 Metern Höhe. Die alte Gondel konnte jeweils nur 30 Menschen befördern und kroch förmlich hinauf zum „Pavillon“ auf 2.173 Metern, bis eine zweite Gondel die Alpinisten und Skifahrer zum „Rifugio Turino“ auf 3.375 Metern brachte.

Der Clou ist nämlich, dass die Gondeln selbst eine langsame komplette Dre­hung um die eigene Achse vollziehen, während sie hoch zum Gipfel ­schweben.

Hier warteten noch immer 228 Me­tall­stufen, die einen endlich zum Gip­fel führten. Es war jedes Mal ein lang­wie­riger Prozess, der einiges an Planung und Einsatz verlangte, damit man hier zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Nur wenige Skifahrer nah­men diesen Aufwand auf sich und so stand die Menge derer, die sich hier hoch verirrten, im krassen Kon­trast zu dem, was auf der fran­zö­­si­schen Seite der Aiguille du Midi pas­sierte. Das alles änderte sich mit der Eröffnung der „Skyway Monte Bianco“ am 30. Mai 2015. 110 Millio­nen Euro wurden in die Hand ge­nom­men, um in vier Jahren ein Meis­ter­werk der Personenbeförderung entstehen zu lassen. Die neue Gon­del ist State of the Art und die Sta­tionen sehen aus wie Raumstationen. Jede der zwei Gondeln kann bis zu 80 Pas­sagiere befördern, die auf ihrem Weg nach oben ein perfektes 360-Grad-Panorama erleben dürfen. Der Clou ist nämlich, dass die Gondeln selbst eine langsame komplette Dre­hung um die eigene Achse vollziehen, während sie hoch zum Gipfel ­schweben.

Höhenkrankheit

Alles ist noch komplett neu und im tadellosen Zustand. Diesen will man bewahren. Als wir unsere Ski ge­gen die Wand lehnen, werden wird freundlich, aber direkt aufgefordert, die vorgesehenen Skiständer zu be­nutzen: „Please put them on the racks provided. Grazie!“ Als jemand, der noch vor ein paar Jahren die alte „Funivie Monte Bianco“ zusammen mit Andreas Fransson ge­nom­men hat, bin ich vom modernen Wandel etwas überrumpelt, um nicht zu sagen schockiert. Doch nur im ersten Moment. Zwar ist der rustikale Charme verloren und es fühlt sich ein wenig so an, als wäre diese Gondel nur für die Massentouristen aus den vielen Bussen am Parkplatz errichtet worden, doch Oscar Taiola, ein lokales Urgestein, kann mir diesen Eindruck schnell nehmen. Er heißt uns herzlich willkommen, als er zu uns in die Ka­­bi­ne steigt. Er ist der Sicher­heits­be­­auf­trag­te der neuen „Sky­way“-Gondel und hatte schon 30 Jahre lang bei der alten Gondel die­se Position inne. Ich frage ihn, wie die neue Gondel hier alles verändert habe, auch in Bezug auf die Sicherheit. „Früher hat es 40 Minuten vom Tal zum Gipfel gedauert. Jetzt sind es 15! Das hat natürlich zur Folge, dass mehr Men­schen Höhenkrankheit erleiden. Nicht jeder steckt es so ein­fach weg, in wenigen Minuten auf 3.500 Meter verfrachtet zu werden”, ist seine schlichte Antwort. Doch fügt Oscar mit leuchtenden Augen hinzu: „Die ,Skyway Monte Bianco‘ hat so viele Men­schen hergebracht, die un­se­re wun­der­schönen Berge sehen wollen. Mich als Bergführer macht das sehr glücklich. Vorher warteten 1.000 Leu­te in langen Schlangen, um dieses Er­leb­nis zu haben. Nun brin­gen wir täg­lich bis zu 4.000 Men­­schen hier hi­­nauf, ohne dass sie lan­­­ge warten müssten.”

Diese Zahlen be­deuten aber nicht unbedingt, dass mehr Ski­fah­rer ihren Weg hier hoch finden. „Die Zahlen werden größten­teils im Som­mer erreicht“, erklärt Os­­car. Das Skifahren hat sich hier also Gott sei Dank noch nicht großartig verändert. Noch immer gibt es kei­ne Piste, keine Schilder und keine Ski Patrol. „Wir sind immer noch die einzige Freeride-Area in ganz Italien”, erinnert uns der Sicherheitschef. Früher waren zwei Runs am Helbronner das Pen­sum, das man an einem Morgen be­wältigen konnte, bevor es zu warm würde, jetzt sind es locker sechs Laps mit der neuen Gondel und dement­sprechend mehr Lines. Allein der Ge­danke daran, wie viele Hö­hen­meter man da einstreichen kann, ehe die Be­din­­gun­gen es einem ver­bieten, soll­te das Herz eines jeden Pow­der­hounds schneller schlagen lassen.

 

Die Bedingungen sind perfekt! Er zieht eine riesige Men­ge Sluff nach sich, während er sich mit kraftvollen Turns seinen Weg von links quer über das Face nach rechts bahnt. Unter ihm zieht sich ein Gletscherabbruch, über den die staubende Sluff-Wolke schießt.

Neue Ziele

Heute ist keine Wolke am Himmel und kaum ein Lüftchen regt sich. Von der Terrasse des Restaurants kund­schaftet Tony die Bergflanken aus. Bisher sind noch keine Aufstiegs­­spu­ren in Richtung Pointe Yeld, unserem heutigen Objekt der Begierde, zu se­hen. Also macht sich die Crew auf zum Géant. Wo man normalerweise nach rechts zum klassischen Marbrées Run abbiegt, ziehen Tony, Alex, Josh und Kaj heute ihre Felle auf. Pointe Yeld ist das Ziel! Mattias, Jay und ich fahren weiter ab ins Vallée Blanche und suchen eine gute Position, von der aus wir das Face über­blicken können, das aus einer per­fekt geschützt liegenden dicken blauen Gletscher­zun­ge besteht, die unter einer knitterfreien Schnee­decke liegt. Der Drop-in zur Line liegt nur unweit des Gipfels an einem Punkt oberhalb eines 200 Me­ter langen Rollers, der ins Nichts zu führen scheint. Alex, der die Line schon mehrmals gefahren ist, macht den Anfang. Die Bedingungen sind perfekt! Er zieht eine riesige Men­ge Sluff nach sich, während er sich mit kraftvollen Turns seinen Weg von links quer über das Face nach rechts bahnt. Unter ihm zieht sich ein Gletscherabbruch, über den die staubende Sluff-Wolke schießt. Man sieht seinen Turns an, dass er ein ehemaliger Rennläufer des Nationalteams ist. Eine beeindruckende Performance – vor allem vor einer solch atemberaubenden Kulisse.

Einsam ist am Schönsten

Josh kann sich nun an Alex’ Spuren orientieren und stürzt mit weiten, offenen Schwüngen das Face hinab, Kaj und Tony folgen. An den umliegenden Hängen sehen wir Leu­te, die sich die Hänge hinaufquälen oder be­reits abfahren. Aiguille du Tacul und die anderen Klassiker hatten heute eine Menge Zulauf. Die zahllosen Tracks hinunter ins Vallée Blanche bezeugen das. Wir hingegen sind stets von der italienischen Seite aus gestartet und waren fast bei jedem Run die Ersten an diesem Tag. Auf unserem gesamten Weg hinab ins Tal finden wir noch unverspurte Pockets und der Schnee ist immer noch fluffig wie am Morgen. Während wir im Skating-Schritt das Mer de Glace überqueren, sind wir mehr als nur stoked. Wir saugen diese beson­de­re Chamonix-Energie und den Flow dieses Tals auf und genießen den Moment. Das Soul-Bier am Kiosk der Station Montenvers macht diesen perfekt – und auch Kajs Geburtstag, der heute ist. Wer hätte gedacht, dass man einem solch alten Hund nicht doch noch etwas Neues zeigen könnte? Kaj ist high vom Moment! Be­vor zu viele Drinks die Ziele des nächsten Morgens zunichtemachen, schaffen wir den Absprung und neh­men den Shuttle zurück nach Cour­mayeur. Abends entscheiden wir uns zum Dinner im „Ristorante Mont Frety“, das mit seiner offenen Atmosphäre und modernen italienischen Fusion-Küche besticht. Skifahren wird in Italien sowieso mehr als appetitanregende Aktivität gesehen. Hier kann man seinen Appetit total befriedigen.

Das Soul-Bier am Kiosk der Station Montenvers macht diesen perfekt – und auch Kajs Geburtstag, der heute ist. Wer hätte gedacht, dass man einem solch alten Hund nicht doch noch etwas Neues zeigen könnte?

It’s Lunch time

Am nächsten Morgen ist es wolkig – die ersten Wolken, die wir diese Woche sehen. Da wir die letzten Tage per­fektes Wetter genießen durften, ha­ben wir heute eigentlich keine Eile. Also entscheiden wir uns, erst mal einen Kaffee trinken zu gehen und die Situation auszusitzen. Als es schließlich aufbricht, wollen wir zwei Laps nahe der Gondel drehen: Cables und Marbrées, zwei Klassiker die morgens gerne als erste Runs gefahren werden. Beide Runs sind stumme Zeugen des guten Wetters der letzten Tage und komplett mit Tracks durchzogen. So entscheiden wir uns doch für die Ab­fahrt über den Toula-Gletscher. Der Schnee ist nicht mehr so perfekt wie während der letzten Tage, aber wir haben trotzdem je­de Menge Spaß auf unserem Weg hinunter zum ­„Pavillon“.

Dort sind wir unentschlossen, ob wir noch eine Runde drehen sollen, als wir Oscar im Restaurant entdecken, der sich gerade ein Gläschen Weißwein und sein Mittagessen gönnt. Er will wissen, wie unsere letzten Tage wa­ren und wir geraten mal wie­der ins Schwärmen. Er versteht uns, konnten wir doch Lines fahren, die selbst er und Tony als Locals dieses Jahr noch nicht wagen konnten. Tony ergänzt noch, dass seine Beine schon ziemlich schwer seien, er aber unbe­dingt noch weitere Stunden auf der italienischen Seite der Massivs verbringen wolle. Oscar schüttelt nur den Kopf. „Viele der ausländischen Skifahrer entdecken diese Seite neu und wissen dann einfach nicht, wann Schluss ist. Immer wieder hoch und runter, hoch und runter. Wir Italiener starten frühmorgens und um Punkt ein Uhr stehen unsere schweren Bei­ne unter dem Tisch zum Mittagessen. Das ist der italienische Weg”, belehrt er uns lächelnd. Welch weise Worte von einem Mann, der schon so viel in diesen Bergen erlebt hat, und wir verstehen den Wink mit dem Zaunpfahl. Wir werden nicht mehr hochfahren. It’s lunch time.



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